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  kunst-forum münchen / Thema: Daniel Habegger  
     
  München, 17.07.2007 - Eingestellt von Martina Wulff  
     
  Daniel Habegger
>6516 gebrauchte Blackjack-Karten aus Las Vegas«' Zwinger Galerie, Berlin

Im Zentrum der Ausstellung steht ein fußbodenfarbener Sockel, etwa anderthalb Meter hoch und so voluminös, daß er gut ein Drittel des Galerieraums - und vor allem die Passage vom Ladenbereich in das höher gelegene zweite "Zwinger"-Zimmer - einnimmt. In den Sockel eingelassen und bi s auf ein Detail verschwunden ist die verbindende Holzstiege. Die kleine Partie des Geländers, die noch aus dem Sockel ragt, spielt mit dem Anschein einer bedeutungsvollen raumbezogenen Installation.

Die präzise, monochrome Ausführung des Sockels ruft indes Parallelen zu den Skulpturen eines Donald Judd wach. Beide Assoziationen weisen auf die späten 60er/frühen 70er Jahre der amerikanischen Kunst. Praktisch funktioniert der Sockel in
der Ausstellung so, daß der Galerist vom oberen Raumniveau her nur aus der Distanz die Besucher unten grüßen kann. Er steht dann selbst auf dem Sockel. Wollen Ausstellungsbesucher diese Position und/oder den letzten Part der Ausstellung sehen, müssen sie den Laden wieder verlassen, durch den Hausflur gehen und einen Hintereingang benutzen. Auf diesem Weg passieren sie eine Art Lichtschranke:

Ein Diaprojektor wirft aus dem Ausstellungsraum einen Lichtkegel auf die außen gelegene Flurwand und beleuchtet wie ein Bühnenspot einen Ausschnitt der zahlreichen Graffitis. Im Hinterraum lagert die Verpackung als ausgestelltes Multiple: Die Kartons der Kartenspeile, serviert auf einem nachgebildeten, pinkfar-
benen Kartenausgabetablett, bedruckt mit einem kleinen Offset des Elvis-Presley-Boulevards in Memphis, signiert mit einem Dank des Künstlers: "Thank you for your loyalty, D. Habegger 1993". Die ersten Zeichen sind gesetzt: Oben und Unten, System und Abgrenzung, Kunstraum und populäre Artikulation, Ready-made und Künstler-Figur ... Die Regie des Künstlers weist auf Unterscheidungen, führt zu Kreuzungspunkten, auf der Spur paralleler Ordnungen.

Der gigantische Sockel trägt Federleichtes, 6516 Blackjack-Karten, in achtzehn Reihen regelmäßig und präzise aufgeblättert, so daß jeweils nur der Spielkartenrand mit Zahl und Farbe offenliegt. Abwechselnd nach Spielfarbe sortiert geben sie das Bild einer seriellen Ästhetik ab. Ihre Authentizität als besondere Karten stellen sie mit dem Zeichen ihrer Entwertung, der kleinen, abgeschnittenen Ecke gegen Falschspielertricks links oben, unter Beweis. Blackjack-Karten aus Las Vegas: Als Symbol verkörpern sie den Traum des kleinen Mannes vom großen Glück, die Obsession des Spielens wie auch den gigantisehen Betrieb professioneller Strategien rund ums Geld.

Vermeintlich individuelle Strategien werden sichtbar auf der Bildebene. Folien im Tafelbildformat zeigen tabellarisch Skizzen von der Berechenbarkeit des Glücks, zum Teil mit Per-gaminbahnen verhängt, fast unmerklich gekreuzt mit einem Elvis-Motiv der Ansicht des Graceland-Portals. Die Figur von Elvis ist in der Arbeit von Habeger ein immer wiederkehrender, ebenso ambivalenter wie vorbildlicher Bedeutungsträger. Das Per-gaminpapier ist ein Material, das der Vervielfältigung dienen kann wie auch als Schutz, Verschleierung und Aktualisierung der darunterliegenden Bildebene. Eine leere weiße Folie trägt ein Blatt mit der Aufschrift "blank" und verweist wieder auf die Konvention künstlerischer Praxis, auf die Differenz, die das Zeichen in sich birgt.
Auf der anderen Seite des Galerieraumes hängt an der Wand dicht gedrängt ein Sammelsurium von handschriflichen Notizen, Kommentaren, Objekten und dinglich-begrifflichen Spielereien.

Eine Kombinatorik, die nicht auf Lesbarkeit oder Konfrontation angelegt ist als vielmehr auf formalen und begrifflichen Analogien gründet, die parallel laufen und folglich nicht zur Deckung zu bringen sind. Fragen: Was verbindet und was unterscheidet die Berechnungen des Polarforschers Hei mar Hause, der die Sonnenhöhe mißt, mit/von der Bestimmung der Mißweisung von Karten durch Daniel Habegger? Was die Strategie von Elvis mit/von der alter Männer, was Las Vegas mit/von Memphis, was die Kunst mit/von der Vermessenheit, was den Künstler mit/von dem Helden, Forscher, Spieler?

"Wo steht Deine Kunst, Kollege?" lautet die Überschrift eines Artikels von Wulf Herzogenrath über die Politisierung der Kunst in den 60er Jahren. "Große Wut am 27.4." notierte Habegger am Rande dieses Zeitungsausschnitts. Was Daniel Habegger versucht, ist vielmehr die Markierung und Behauptung eines Handlungsfeldes für Künstler, das die Grenzen und Strukturen der korrekten Bestimmungen untersucht, um in einer komplexen Versuchsanordnung jede Eindeutigkeit als Zitat und notwendige "Wieder"holung zu kennzeichnen.



 
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